Jürg A. Rutishauser

Hier veröffentliche ich ab sofort in unregelmässigen Abständen ein neues Kapitel eines Krimis, den Sie gratis lesen können. Dazu wünsche ich Ihnen viel Spass.


Teil 1 Teil 2

Heimenstein
von Jürg A. Rutishauser

Teil 1

"Ihr Blutdruck ist zu hoch", hatte ihm der Arzt beim letzten Check-up gesagt. "Sie müssen was dagegen tun. Gehen sie jeden Tag mindestens eine halbe Stunde an die frische Luft und spazieren sie zügig."
Nun war der Mittfünfziger also zügig zu Fuss unterwegs durch Hettlingen. Westwärts, Richtung Heimenstein.
Der Heimenstein ist eine Anhöhe an der Grenze zwischen den Gemeinden Hettlingen und Seuzach, mit einem grossen Gutsbetrieb, wo früher die Ritter vom Heimenstein ihren Sitz hatten. Heute wohnt im Landhaus, das im keltischen Stil erbaut wurde, ein Springreiter mit seiner Familie und ein paar Angestellen und hält seine Pferde in den Gutseigenen Stallungen. Von da oben hat man einen wunderschönen Rundblick über die Felder des hier beginnenden Zürcher Weinlandes und auf die beiden genannten Gemeinden. Ausserdem kann man in Richtung Westen weit übers Land bis nach Neftenbach sehen.
Zu diesem Aussichtspunkt war also Peter Mahler unterwegs. Zügigen Schrittes bog er in das steil ansteigende, schmale Strässchen ein, das auf die Anhöhe führte. Links des Weges war ein Acker und auf der westwärts liegenden Seite war ein recht steil abfallender Hang, der mit Weinreben bepflanzt war, deren Blätter sich bereits leicht verfärbten und mit vollen Traubendolden behangen waren. Ein untrüglicher Hinweis auf den nahen Herbst. Die Sonne brannte von einem tiefblauen Spätsommerhimmel herunter und trieb Mahler den Schweiss auf die Stirn. Mit tiefen Atemzügen versuchte er das Tempo bis zum Kulminationspunkt aufrecht zu erhalten, was in Anbetracht des steilen Mittelstücks gar nicht so einfach war.
Fast oben auf der Anhöhe angekommen, bog er links in einen Feldweg ab, um ein Stück weiter zur Sitzbank am Waldrand zu gelangen. Dort wollte er sich einen Moment hinsetzen, um die Aussicht zu geniessen.
Eben war er an der Sitzbank angekommen, als er etwas hörte, das wie ein Schrei klang. Allerdings kam es Mahler nicht vor, als sei es ein menschlicher Schrei gewesen, sondern... Er konnte diesen Ton, der ein Gemisch zwischen dem Kreischen von bremsenden Eisenbahnwaggons und einem Kinderkreischen, nicht einordnen.
"Was um Himmels Willen war das?", fragte er sich. Gleichzeitig stellten sich seine Körperhaare auf und es lief ihm kalt den Rücken hinunter. So einen abartigen, grausigen Schrei hatte er noch nie in seinem Leben gehört.
Mahler setzte sich erst einmal hin, um sich von seinem Schock zu erholen und seine Gedanken zu ordnen. Wer oder was hatte hier so geschrien? Den Gedanken, dass es ein Vogel gewesen war, verwarf er gleich wieder: Zu laut war er gewesen und zu grauenhaft.
Mahler versuchte zu orten, aus welcher Richtung genau dieser entsetzliche Laut gekommen war. Hinter ihm war Wald und 20 Meter weiter rechts tauchte der Weg ebenfalls in den Wald hinein. Vor ihm lag eine sanft abfallende Wiese und dann der Weinberg. Zu seiner Linken führte der Weg zum Gutshof Heimenstein, woher er eben gerade gekommen war.
Der Schrei musste seiner Meinung nach aus dem Wald genau hinter ihm, und zwar vielleicht 20-30 Meter entfernt gekommen sein. Was war hier passiert? Mahler wusste, dass etwa in jener Entfernung ein Reservoir im Wald stand.
Er stand auf und ging weiter dem Feldweg entlang in den Wald, bemüht möglichst kein Geräusch zu machen. Einige Dutzend Meter weiter bog ein leicht ansteigender Weg nach rechts ab und führte zum Reservoir. Die Neugier trieb Mahler zuerst in diese Richtung, aber nach ein paar Metern bekam er es mit der Angst zu tun: Wenn nun in der Nähe irgendein Verbrechen stattgefunden hatte und er zumindest ein hörender Zeuge davon geworden war, konnte es sehr wohl sein, dass der Täter ihn bemerkt hatte und nun...
Mahler drehte um und eilte zum ursprünglichen Weg zurück und weiter bergab. Er war nicht bewaffnet und bekam es mit der Angst zu tun. Dieser Schrei! Mahler merkte, dass er zitterte. Seine Schritte wurden grösser und schneller. Nur vorwärts, den Berg hinab und dort aus dem Wald in die nahe Zivilisation.
Mit wackligen Beinen kam er schliesslich zehn Minuten später zu Hause an.

Teil 2

Peter Mahler sass zwei Tage später mit seinen Kumpels am Stammtisch in der "Eichmühle", einem Restaurant in der Nähe des Schwimmbades Hettlingen und trank ein Bier. Hier wurden jeweils die neuesten Gerüchte des Dorfes, aber auch Neuigkeiten über Bewohner und Vorfälle diskutiert.
"Ist schon verrückt mit dem Reh beim Heimenstein", sagte Felix Tanner, nachdem er die Runde begrüsst und sich dann an den Tisch gesetzt hatte.
"Was war denn? Ich habe noch nichts gehört", meinte Ruedi Berger. Die restlichen Anwesenden waren offensichtlich auch nicht informiert.
Als Mahler das Wort "Heimenstein" hörte, verschluckte er sich fast an seinem Bier. Er stellte das Glas hin und erwartete die Story von Tanner mit einer gewissen Unbehaglichkeit. "Ja da hat einer beim Reservoir oben ein Reh in einer Schlinge gefangen und es danach offensichtlich brutal zu Tode gequält. Gestern hat ein Spaziergänger aus Seuzach den Schlachtort gefunden und die Polizei benachrichtigt. Es muss furchtbar ausgesehen haben."
Die Stammtischrunde wurde einen Moment still, dann ging ein allgemeines Kopfschütteln durch die Runde.
Erst als die Kellnerin am Tisch erschien und Tanner sein Bier hinstellte, kam wieder so etwas wie Leben an den Tisch.
"Unglaublich, wer macht denn so was?", fragte Erwin Keller, der Lehrer.
"Auf jeden Fall ist das ein Verrückter", tönte es von Ruedi Berger.
"Und ein furchtbarer Sadist", ergänzte Walter Gertsch, der Arzt mit der Praxis im nahen Winterthur.
Peter Mahler sass vorerst nur still da. Dann plötzlich schauderte er, als er in seinem Geiste diesen schrecklichen Schrei wieder hörte. Die anderen bemerkten sein Schaudern:"Was ist denn mit dir los?", fragte Tanner.
Mahler erzählte was er erlebt hatte, nicht ohne hinzuzufügen:"Ihr glaubt nicht, wie das geklungen hat. Noch nie in meinem Leben habe ich einen so eindringlichen, schauderhaften Schrei gehört, der mir solche Angst einflösste."
Die anderen waren einen Moment lang ruhig und sahen Mahler, dessen Gesicht ganz weiss geworden war, nur sprachlos an. Sie kannten ihn als zähen, strammen Kerl, den nichts so bald aus der Ruhe bringen konnte. Aber so wie jetzt hatte ihn keiner von ihnen je gesehen.

Der Vorfall beschäftigte in den nächsten Tagen auch die Tageszeitungen, lokale wie überregionale. Sogar in "Schweiz Aktuell" des Schweizer Fernsehens wurde über dieses grauenhafte Tun berichtet, wo auch der Tierschutzverband und ein Psychiater dazu Stellung nahmen. Aber bald legte sich die Aufregung um diese schreckliche Tat.
Peter Mahler verlegte seine Fussmärsche vorerst auf die Nordwestseite von Hettlingen, wo er sich eine neue Route ersann. Doch jedes Mal wenn er am Baldisriet vorbei in den nahen Wald schritt, überkam ihn ein mulmiges Gefühl, das er aber jedes Mal abtat in dem er sich sagte, dass er ja an einem ganz anderen Ort sei und ausserdem jener Vorfall lediglich ein einziges Mal vorgekommen war.
Wenn er dann aber am Mädlestenweiher vorbei war, den kurzen Anstieg geschafft hatte und den Waldrand vor sich sah, dann fühlte er sich gleichwohl erleichtert.

Der Herbst war inzwischen weit fortgeschritten. Die Bäume warfen ihre bunten Blätter ab und die Tage wurden kürzer.
Da Mahler kaum je vor Fünf Uhr abends von der Arbeit zu Hause war, gestalteten sich seine Spaziergänge zunehmend schwieriger. Hier auf dem Land gab es ausserhalb der Dörfer kaum Strassenlaternen. Daher musste Mahler sein Programm etwas verändern: Er ging während der Woche zwei Mal lediglich die Stationsstrasse entlang bis fast zum Bahnhof, um dann parallel dazu durch die Quartiere wieder nach Hause zu kommen. Weil diese Strecke jedoch eher kurz war, wollte er als Ausgleich am Wochenende jeweils eine etwas längere Tour gehen.
Er entschloss sich, seine Wochenendtour via Eichmühle, das Niderholz, hinunter zum Mülibach und dann auf der anderen Seite wieder hoch bis an den Waldrand, diesem entlang Richtung Rutschwil bis zum Waldende und dann im Waldesinnern wieder in Richtung Hettlingen bis zum Waldausgang beim Ortsanfang und dann der Heimensteinstrasse entlang wieder nach Hause zu legen.
Während der nächsten Wochen fand Mahler immer mehr Gefallen an dieser Strecke. Bis zum ersten Advent. Da sollte alles anders werden!


wird fortgesetzt...